Gradnetz-Zeitzonen

Das Gradnetz gehört zu den Standardthemen im Geographieunterricht der unteren Klassen. Das ist lange her. Deshalb zur Wiederholung: Das Gradnetz der Erde besteht aus Längen- und Breitenkreisen, die sich wie ein Netz über die Erdkugel spannen und deshalb am besten auf dem Globus verfolgt werden können. Die von uns ausgewählte Landsat 7-Aufnahme aus dem Programm der NASA zeigt die Erde über Afrika aus 10.000 km Entfernung. Sie soll diesen Zusammenhang veranschaulichen. Die Längenkreise verlaufen senkrecht zum Äquator als Großkreise um die Erdkugel. Ein Meridian [lat. Mittagslinie, also Linie aller Orte, die gleichzeitig Mittag haben] beschreibt den Halbkreis von Pol zu Pol. Die Meridiane werden nach internationaler Übereinkunft vom Nullmeridian von Greenwich (London) jeweils 180° nach Osten und Westen gezählt. Die Meridiane 180° westlicher Länge und östlicher Länge sind identisch.
Die Breitenkreise oder Parallelkreise verlaufen parallel zum Äquator. Sie schneiden die Meridiane im rechten Winkel. Ausgehend vom Äquator als dem größten Breitenkreis werden nach Norden und Süden je 90 Breitenkreise gezählt. Besondere Breitenkreise sind die Wendekreise (23°30’) und die Polarkreise (65°43’). Gelegentlich finden Sie in der Reiseliteratur Bezeichnungen wie niedere Breiten für äquatornahe Regionen, hohe Breiten für polnahe Gebiete und mittlere Breiten für die dazwischen liegenden Zonen („Mittelbreitenklima“). Für die polnahe Zone der Südhalbkugel von 39° S bis zum Rand des Packeises prägte man in der Zeit der Segelschifffahrt den Begriff der „rauen“ oder „brüllenden Vierziger“. Hier stellten langanhaltende Stürme mit >75 km/h und bis sechs Meter hohe Wellen eine große Gefahr für Schiffe und Mannschaften dar.

 

Längengrade (als Strecke bzw. Fläche) bilden den 1°-Bogenabstand zweier Meridiane. Die Abstände zwischen zwei Längenkreisen bzw. Meridianen betragen nur am Äquator ca. 111 km (40.000 km:360°). Sie verringern sich polwärts und konvergieren in den Polen. Breitengrade sind als Strecke der Bogenabstand zweier Breitenkreise. Dieser Abstand ist immer konstant: Ein Bogengrad entspricht 111 km und eine Bogenminute 1,85 km.

Das Gradnetz ermöglicht neben dem bereits erwähnten Abschätzen von Entfernungen über die Breitengrade vor allem (a) die eindeutige Bestimmung der Position eines Punktes auf der Erdoberfläche (Ortsbestimmung) und (b) die Festlegung von Zeitzonen (Zeitbestimmung).

 (a) Ortsbestimmung: Die Lage eines Ortes auf der Erdoberfläche wird durch zwei Koordinaten eindeutig bestimmt:

- die geographische Breite φ als Bogenabstand eines Ortes vom Äquator und
- die geographische Länge λ als Bogenabstand vom Nullmeridian.

Die geographischen Koordinaten werden wie bei der Kreisteilung in Winkelgraden (°) und -minuten (´), seltener in Winkelsekunden (´´) angegeben.
Bei den Angaben der geographischen Koordinaten eines Punktes wird immer zuerst die geographische Breite bis 90° nördlicher (N) oder südlicher Breite (S) und erst dann die geographische Länge jeweils westlich (W) oder östlich (O oder E) des Nullmeridians angegeben.

 (b) Zum touristischen Grundwissen gehört auch die vom Gradnetz abgeleitete Zeitbestimmung. Bei der Planung, Konzipierung und Organisation von Angeboten sowie beim Verkauf von touristischen Produkten müssen Sie mit Zeitzonen, Zonenzeiten, Ortszeiten oder auch Flugzeiten souverän umgehen können. Deshalb zur Wiederholung: Innerhalb von 24 Stunden dreht sich die Erde einmal um sich selbst (Erdrotation ). Dabei durchläuft die Sonne (scheinbar) alle 360 Meridiangrade von West nach Ost. Beim Passieren jedes Meridians erreichen alle Orte auf diesem Längenkreis ihren Sonnenhöchststand. Sie haben folglich die gleiche mittlere Ortszeit. Die MOZ wird ermittelt über eine Zeitgleichung als Differenz des Beobachtungsortes zum Nullmeridian oder zum Mittelmeridian der jeweiligen Zeitzone, wobei einem Bogengrad vier Zeitminuten entsprechen.

Der Schatten der Sonnenuhr zeigt die so genannte wahre Ortszeit (WOZ), wobei der Sonnenhöchststand 12 Uhr anzeigen sollte. Tatsächlich ergeben sich aber durch Variationen der Erdumlaufbahn Zeitdifferenzen von etwa 16 Minuten im Jahr. Sonnenuhren an Rathäusern oder Sakralbauten sind folglich historische Sehenswürdigkeiten und die WOZ Geschichte.

Nach der Anerkennung des Nullmeridians von Greenwich (London) im späten 19. Jh. traten zur Erleichterung des internationalen Verkehrs an die Stelle unzähliger Ortszeiten standardisierte Zeitzonen mit einer Ausdehnung von 15 Längengraden. In diesen Streifen gilt die gleiche Zeit, die Zonenzeit. Die jeweils um eine Stunde verschobenen Zonenzeiten beziehen sich auf den jeweiligen Mittelmeridian der 24 Meridianstreifen.

Leider halten sich die tatsächlichen Zeitzonen nur teilweise an die Einteilung in die idealen 15°-Meridianstreifen. Ausnahmen sind die Regel: Zahlreiche Ausbuchtungen berücksichtigen die Zugehörigkeit zu Staaten oder zu Wirtschaftsräumen, Flächenstaaten haben mit Ausnahme Chinas mehrere Zeitzonen. So haben die USA sieben Zeitzonen. Die Russländische Föderation besitzt 11 Zeitzonen. Daraus ergibt sich ein recht unübersichtliches Bild. Dies mag ein Grund sein, warum Zeitzonenkarten noch häufig als Zylinderprojektionen mit sich rechtwinklig schneidenden Parallelen dargestellt werden (siehe Abbildung und Kommentar im Abschnitt 1.4).



(Quelle: www.mygeo.info/karten.html)

 

Europa dürfte nach dem Geltungsbereich der Mittelmeridiane von 0° bis 60° eigentlich nur fünf Zeitzonen haben. Tatsächlich sind es aber sechs. Grund ist die Moskauer Zeitzone, welche in Russland an die Stelle der Osteuropäischen Zone getreten ist (in der Europakarte blau und mit Sankt Petersburg markiert). Der Geltungsbereich der Moskauer Zeit selbst erstreckt sich über 40 Längengrade mit drei Zeitzonen (siehe Darstellung in der Weltkarte). Er ist in der Europakarte nicht erkennbar, weil hier das Prinzip der meridionalen Zeitzonen dominiert. Für die Mitteleuropäische Zeitzone ist der durch Görlitz führende 15. Längengrad der Bezugsmeridian. Der Geltungsbereich der Mitteleuropäischen Zeit (MEZ) reicht aber mit 30 Längengraden von Polen bis nach Spanien über zwei Zeitzonen. In der Westeuropäischen Zeitzone (engl. Western European Time Zone WET) haben Großbritannien, Irland, Island, Portugal, die Kanarischen Inseln und Madeira die Greenwich Mean Time (GMT) bzw. die Western European Standard Time (WET). WET und GMT sind identisch. Ihre Funktion als Weltzeit hat die mittlere Greenwichzeit seit 30 Jahren an die Universalzeit UTC (Universal Time Coordinated) abgetreten. Diese ist auf eine allgemeine Zeitzone mit dem Mittelmeridian Null (= Zero, deshalb auch Z-Zone) bezogen.

 

(Quelle: Geografie. Klasse 6 Sachsen. Verlag Volk und Wissen. Berlin 2002. Mit freundlicher Genehmigung des Cornelsen Verlages)

 Weitere Komplikationen können sich in der touristischen Praxis bei der Orientierung nach Zeitzonen aus der Anwendung der Sommerzeit (engl. Daylight saving time DST oder Summer Time) ergeben. Die Sommerzeit dient vorwiegend in Ländern der mittleren Breiten der energetischen und sozialen Ausnutzung des Tageslichtes (des höheren Tagbogens der Sonne) im Sommer. Wegen des vermeintlichen Energiespareffektes wurde die Sommerzeit in Deutschland zunächst in beiden Weltkriegen praktiziert und dann ab 1980 auch in Angleichung an die Nachbarländer allgemein eingeführt. In der Russländischen Föderation gibt es sogar eine Art „doppelte“ oder „Hochsommerzeit“: In den elf Zeitzonen gilt abweichend vom jeweiligen „normalen“ Meridianstreifen bereits seit 1930 eine ganzjährige Sommerzeit („Dekretzeit“), die beginnend mit 1981 um eine weitere Stunde im Sommer aufgestockt wurde. Die Sommerzeit besitzt gleichfalls nicht wenige Ausnahmen und unterliegt auch Änderungen. So beteiligt sich in den USA der Bundesstaat Arizona nicht am am DST-System. Deshalb ist im Bedarfsfall nachschauen angesagt (z.B.: www. worldtimezone.org/daylight.html).

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