Mercatorkarten früher und heute

 

Zur aktuellen Verbreitung von Weltkarten-Zylinderprojektionen in der Art Mercators


Keine verebnete Darstellung der Erde ist verzerrungsfrei. Der Globus ist nicht zu ersetzen. Wie wir mit dem Überblick über die heute weltweit üblichen Kartenprojektionen gezeigt haben, gibt es dennoch zahlreiche realitätsnahe Erddarstellungen. Leider trifft man in der deutschen Öffentlichkeit gegenwärtig durchaus nicht selten Erdansichten, welche ein Bild der Welt vermitteln, das in abgewandelter Form bis auf das Mittelalter (Mercatorkarte) zurückgeführt werden kann. Zylinderprojektionen "in der Art Mercators" waren im 19. Jh. in Atlaswerken vertreten, wobei wie in unserem Beispiel von 1857 der Äquator die Kartenmitte markiert. Sie verbreiteten sich zuletzt zu Beginn des 20. Jh., um die europäische Vormachtstellung im Zeitalter imperialistischer Kolonialpolitik kartographisch zu unterstreichen. Über die polwärtige Verzerrung der Zylinderprojektion hinaus wird die Abbildung der Südhemisphäre bei etwa 60° südl. Breite gekappt , die Projektion der Nordhalbkugel auf über 80° nördl. Breite ausgedehnt und auf diese Weise der Äquator in die südliche Kartenhälfte "verschoben". Es entstehen Erdansichten, welche die Länder der Nordhalbkugel deutlich größer und die der Südhalbkugel entsprechend kleiner erscheinen lassen. Vergleichen Sie Grönland (2,2 Mio. km²) mit Australien (7,7 Mio. km²)!

Erdkarte in Mercators Projektion

Quelle: Allgemeiner Handatlas der Erde und des Himmels. Geographisches Institut in Weimar (1857)

Diese rechtwinkligen Zylinderprojektionen mit dem Äquator im unteren Kartendrittel werden auf Postern für das Kinderzimmer empfohlen oder in Faltblättern gemeinnütziger Hilfsorganisationen zur Veranschaulichung von Problemen verwendet, die sich in der Regel gerade auf die Dritte Welt beziehen. Sie finden sich aber auch in Tourismuspublikationen, wo sie beliebte Fernziele wie Australien oder Südamerika eigentlich veranschaulichen sollten. Besonders befremdend wirken derartige Kartenkonstruktionen als großflächige naturnahe Wandkarten in zahlreichen Reisebüros.

Quelle: aktuelles Katalogangebot für Bürowandkarten

Wandkarte in Leipziger Reisebüro

Die Verbreitung von grob verzerrten Weltkarten unter den Bedingungen der Globalisierung zeugt von mangelndem Respekt vor den Ländern der Südhalbkugel und dokumentiert einen beschämenden bildungspolitischen Zustand. Ein Grund für die Verbreitung dieser Karten ist nicht zu erkennen. Im Geographieunterricht unserer Schulen oder in Atlanten sind sie nicht vertreten. Der Autor hat in privater Initiative verschiedene Herausgeber auf diesen Mangel hingewiesen. Das Echo war unterschiedlich. Es reichte von Ignoranz bis zu aufrichtigem Dank und Austausch durch realitätsnahe Weltkarten.
Mercatorkarten können über ihren diskriminierenden Charakter hinaus auch als Ausdruck des machtpolitischen und sozialen Nord-Süd-Gefälles gedeutet werden. Diese Gefahr haben u.a. sowohl die Kirche als auch us-amerikanische Geographen und Kartographen erkannt. Bereits im Jahre 1989 sprachen sich sieben nordamerikanische geographische Organisationen, darunter die American Cartographic Association, der National Council for Geographic Education, die Association of American Geographers und die National Geographic Society, in einem dringenden Appell an die Öffentlichkeit für eine Ächtung aller Erdkarten mit einem rechtwinkligen Koordinatennetz aus. Gemeint war in erster Linie die Mercatorkarte. Eines ihrer Argumente bestand darin, dass die regelmäßige Betrachtung grob verzerrter Erdkarten den Eindruck richtiger Abbildung verfestigt. Sie verweisen darauf, dass Wandkarten einen starken und dauerhaften Einfluss auf die Vorstellung des Betrachters von der Form und Größe von Kontinenten und Ozeanen sowie von der Gestaltung des Koordinatensystems ausüben.

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